live@work – Status quo Event-Arbeitsmarkt: Gesuche, Probleme, Entwicklungen & Trends

Kommentar von Wolf Rübner

Der Fieberkurve der Live-Kommunikations-Branche im Sommer 2011: die meisten anderen Branchen machen Ferien, die Schulen machen Pause, alles ist etwas abgeschlafft. Nicht so die Veranstaltungswirtschaft, von einem Sommerloch konnte auch noch nie die Rede sein. Klar wird Urlaub gemacht, aber die Daheimgebliebenen müssen für die Urlauber mitschuften. Häufig stehen unmittelbar große Publikumsmessen an wie aktuell die IAA, die IFA und die gamescom. Doch etwas ist anders als sonst…

Dringend gesucht: Personal, Verstärkung, Support

Ein einziger verzweifelter Hilferuf schallt durch den Arbeitsmarkt. Job-Angebote soweit das Auge reicht – auf den Websites von Agenturen und Dienstleistern, bei StepStone suchen meist ahnungslose Personalberatungen Veranstaltungsplaner und Führungskräfte für Unternehmen. Die Palette der zu besetzenden Positionen reicht von Praktikanten, Trainees, Junior-Projektleitern, Projektleitern, Senior-Projektleitern bis zu Konzeptionern und Kreativ-Direktoren. Gefragt sind akademische Abschlüsse und vor allem drei Dinge: Erfahrung, Experience, langjährige Praxis.

Das Personalkarussell dreht sich mit hoher Geschwindigkeit

Allgemein läßt sich beobachten, daß zur Zeit eine rege Wechseltätigkeit herrscht. So mancher, der während der Krise in 2009 „die Füße still gehalten“ hat, setzt seine Veränderungsabsichten nun in die Tat um. Umstieg, Aufstieg, Karriere. Der Arbeitsmarkt zeigt eine hohe Dynamik und Fluktuation in alle Richtungen: zur Konkurrenz, in die eigene Firma, Abwerbung, zurück in die Festanstellung, hinein ins freiberufliche Dasein. Von der Agentur auf die Kundenseite und umgekehrt. Man kann von einem Verkäufer-Markt sprechen (Verkauf von Arbeitsleistung). Es besteht ein dauerhafter Nachfrageüberhang. Ein latenter Fachkräftemangel besteht eigentlich schon seit 15 Jahren.

Einwanderung in die Sozialsysteme

Bemerkenswert ist jedoch die Schaffung von festen Arbeitsplätzen, von sozial-versicherungspflichtigen Vollzeitstellen. Agenturen, Messebau und Dienstleister bauen Dauerbeschäftigung auf, ein Zeichen von Expansion und positiven Zukunftserwartungen. Ein alter Agentur-Grundsatz lautet nämlich: die Personalentwicklung folgt der Umsatz-entwicklung. Zunächst wird die Mehrarbeit durch Überstunden aufgefangen, erst wenn die Mitarbeiter „auf dem Zahnfleisch gehen“, stockt man das Personal auf.

Freelance – mehr Schatten als Licht?

Bemerkenswert auch die Tatsache, daß ungewöhnlich viele Freelancer in eine Fest-anstellung wechseln. Sogar Veranstaltungstechniker wechseln die Seiten, die sonst so stolz ihre Freiheit verteidigen. Noch größer die Zahl derjenigen, die sich aktuell um eine Festanstellung bewerben bzw. das über kurz oder lang nicht ausschließen.

Man sucht nach den Gründen und findet eine Auffälligkeit – ob Mann oder Frau, sie sind um die 40 Jahre alt. Zweite Auffälligkeit – ihre Freelance-Karriere begann häufig im Krisenjahr 2009. Der gesamte Zeitraum von Ende 2008 (3 Monate nach der Lehman-Brothers-Pleite) bis Anfang 2010 (zaghafte Wiederbelebung der deutschen Konjunktur) spiegelt die dramatische Lage dieser Tage wider.

Das Umdenken von Freelancern könnte auch folgende Gründe haben: Der Aufwand für Akquisition und Selbstverwaltung wird unterschätzt. Bezahlter Urlaub? Pustekuchen! Soziale Absicherung gegen Krankheit, Unfall, Arbeitsunfähigkeit, Berufsunfähigkeit sind teurer und aufwendig. Unberechenbare Risiken von Zahlungsverzögerung und Forderungsausfall wurden nicht bedacht. Mit fortschreitendem Alter machen sich die besonderen Belastungen durch Stress und Zeitdruck stärker bemerkbar. Das geflügelte Wort der Werbewirtschaft lautet: mit 40 mußt Du im Management sein. Also nicht mehr in der Operative! Mancher Traum von Unabhängigkeit und Autonomie entpuppt sich als Illusion.

Luxus-Sorgen oder echte Sorgen?

Sofern durch die Verwerfungen an den Finanzmärkten und Börsen kein weltweiter Abschwung entsteht, wird sich an der Situation nichts Grundlegendes ändern. Der einschlägig ausgebildete Nachwuchs muß erst Berufserfahrungen sammeln, um Projektleiterpositionen ausfüllen zu können. Seit 2001 existiert ein IHK-Abschluß als Veranstaltungskaufmann/-kauffrau, erst ca. 2005 starteten viele akademische Ausbildungs-angebote.

Die Internationalisierungs-Strategie von Agenturen und Dienstleistern wirkt zusätzlich als Treibsatz der Arbeitskräftenachfrage. Die Niederlassungen in Europa, VAE und Shanghai von BBDO, avantgarde, marbet, Uniplan und Vok Dams u.a. benötigen zusätzlich interkulturell begabte deutsche Fachkräfte für Live-Kommunikation.

Was bleibt als Ausweg? Die Steigerung der individuellen und kollektiven Arbeitsproduktivität durch IT-Werkzeuge. Einführung von Projektmanagement als Methodik (häufig nur ein Synonym für Eventmanagement). Strategische Personalentwicklung durch gezielte Förderung und Bindung von Mitarbeitern. Entwicklung einer Arbeitgeber-Marke, um im Wettbewerb um Fachkräfte eine besondere Anziehungskraft zu besitzen. Angebot von Fachkarrieren, denn nicht jeder guter Projektleiter ist auch eine gute Führungskraft.

Autor: Wolf Rübner
Wolf Rübner ist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Event-Markt ein bekannter Name und gehört heute zu den Event-Experten in Deutschland. Als Gründer des EventCampus hat er sich auf Event-Consulting, Personal-Vermittlung und -Beratung für Unternehmen, Agenturen, Messebauer und Event-Dienstleister spezialisiert.

Foto von bgottsab / flickr


7 Kommentare
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7 Kommentare

  1. M. Förster

    Zwei Gedanken dazu: Vielleicht wechseln auch wieder mehr Menschen in die Festanstellung, weil endlich mal vernünftige Löhne geboten werden? War ja sonst eher ein Bereich, der nicht für die Höhe der Gehälter berühmt war.
    Arbeiten als Freiberufler – wenn man den Weg aus der Not heraus geht, kann das schnell schiefgehen, wenn man es aus Überzeugung tut, um nicht mehr angestellt zu arbeiten, ist es etwas anderes – glaube ich.

  2. Katharina Falkowski

    Hm, könnte sein. Der Logik nach müssten die Löhne bei höherer Nachfrage nach Personal, tatsächlich steigen. Aber kommt sicher auf die Position & den Bewerber an.
    Ich selbst hab keine direkten Erfahrungswerte was die aktuellen Gehälter angeht. Jemand von euch?

  3. Peter Cramer

    Ein geflügelter Satz, hier in der Agenturstadt Hamburg lautet: „Ein Arbeitsvertrag mit einer Agentur ist nichts anderes, als eine größtmöglich vorgegaukelte Sicherheit.“ Es gibt nur zwei Arten von Gewinnern: 1.) die GL und in Teilen das Management in Agenturen und 2.) clevere Freelancer. Die ersteren, weil sie auf dem Rücken Angestellten große Profite erwirtschaften. Da werden studentische Aushilfen für ein „Schlüsselband und Umhängetasche mit coolem Agentur-Logo“ beschäftigt und als Vollzeit Projektleiter mit dem Kunden abgerechnet. Die „Haltbarkeitszeit“ von Kunden wird immer kürzer, entsprechend sind in Hamburger-Agenturverträgen Kündigungsfristen von nur 2 Wochen üblich…

    Clevere Freelancer, die eben genau das Anforderungsprofil erfüllen, nämlich Erfahrung, Erfahrung und Erfahrung. Die wissen, wie der Kunde morgen zufrieden zu bedien ist, wenn er heute gewonnen wird, lassen sich das sehr gut bezahlen. Tagessätze ab 600 € bis zu 1000 € (!) investiert eine GL dann zunächst zähneknirschend – zumeist schon in der Pitch-Situation, wenn der Freelancer bereits zuvor für eine andere Agentur auf den Kunden gearbeitet hat und dort ein gutes „Standing“ hat.

    Es gibt hier große Agenturen, die beschäftigen aktuell mehr als 50(!) Freelancer. Würden ab morgen alle Freelancer und Kleinst-Agenturen in Hamburgs Werbe- und Medienagenturen mal für 8 Wochen den „Stift fallen lassen“ hätte das Land bundesweit ein Problem mit dem Werbemittel-Output: Anzeigen würden nicht erscheinen, TV-Spots nicht gedreht, PR weniger stattfinden, etc.

    Ich sehe nicht, dass in der Werbung viele Freelancer in die Festanstellung wechseln, was vielleicht daran liegt, dass in der Werbung die Leute besser qualifiziert sind als in der „wilden Eventbranche“.

    Und bei allem Respekt den Kollegen gegenüber, die in fernen Ländern, wie Shanghai und anderen fragwürdigen Arabischen Staaten, wo Menschrechte gerne mal mit Füßen getreten werden, „erfolgreiche Nierderlassungen aufbauen“ sind doch auch erstmal nur interessant für Kunden, weil auf ihrem Schild steht: „man spricht deutsch“ – mehr nicht. Kreativleistungen und Innovationen ist doch auch in Eventagenturen zumeist Aufgabe von Freelancern. Für die Dauerbeschäftigung von guten Kreativen, fehlt den Eventagenturen doch das Budget, oder die GL müsste den Fuhrpark wechseln.

    Das gesamte Agenturmodel wird mittelfristig auf dem Prüfstand stehen und die ersten, die keine Zukunft mehr haben werden sind die operativen Eventagenturen. Die Leistungen der operativen Umsetzung ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Das bietet heute jeder Dienstleister mit z.T. qualifizierterem Personal an – für den Kunden zumeist gratis. Hinzukommt, dass der Kunde nicht dumm ist – er weiß auch, wie und wo er einen qualifizierten Projektleiter findet, oder einen Grafik-Designer, oder Texter, oder einen Produktioner für den nächsten Geschäftsbericht. Dafür braucht er 2 Minuten und Google. Und hier beginnt das Problem für die Agenturen (nicht nur die Eventagenturen).

    Der Kunde stellt mehr und mehr fest, dass er mit einer – für seine Aufgabenstellung zusammengestellte „Kollaboration“ deutlich besser fährt – insbesondere für die Anforderungen an ein Event. Da bedarf es einen Lead, der in der Lage ist die Kampagne auf das Event – oder umgekehrt – herunter zu brechen und Google, für einen brauchbaren Konzeptioner, Designer, Texter und Lieferanten. So lässt sich 1 zu 1 jedes der bisherigen und zukünftigen Events konzipieren und umsetzen – deutlich günstiger, weil ohne aufgeblähtes Management-Overhead und dennoch in der selben (oder oftmals besseren) Qualität.

    Längst liegen doch die wirklich lukrativen Events in den Händen von Werbe- und Eventagenturen. Schaue ich in das Eventagentur-Kreativranking vom letzten Jahr, so sind 50% der Top 12 gar keine Eventagenturen, sondern Kommunikations-Klitschen mit einer Event-Abteilung (und keine Abteilung ist älter als max. 6 Jahre) die anderen 50% sind Eventagenturen (keine jünger als 15 Jahre). Logisch: wer es in 15 Jahren nicht geschafft hat sich einen Kundenstamm aufzubauen, der hat was grundsätzliches falsch gemacht…

    Seit vielen Jahren schon beantworte ich die Frage: was ist ein Eventmanager mit einem Zitat meines ehemaligen Geschäftspartners und Freundes Rolf, welches rund 15 Jahre alt ist: „Ein Eventmanger ist jemand, der kennt jemanden und der kennt Paul McCartney.“ Und solange das die Grund-Mechanik der Agenturen ist (und das ist sie zumeist immer noch!), drückt mir deren ganzes aufgeblähte Pseudo-Gelaber drumherum ausschließlich die Lachtränen aus den Augen – mehr aber auch nicht.

  4. Wolf Rübner

    Tendenziell zahlen große Agenturen besser als kleinere Agenturen, in Unternehmen verdient man
    mehr als in einer Agentur. Männer verdienen (leider) häufig mehr als Frauen.

    Agentur-Gehälter unterscheiden sich in erster Linie durch „Goodies“ aller Art: Firmen-PKW, Weiterbildung, variable Bestandteile, Firmenkultur, Entwicklungsperspektive.
    Die IFH Bad Honnef hat in 2008 eine Gehaltsstudie veröffentlicht. Falls die nicht mehr zum
    Download angeboten wird, kann ich die gerne zur Verfügung stellen.

  5. Wolf Rübner

    @ Pete Cramer: Lieber Kollege, Ihrer Analyse ist in weiten Teilen zuzustimmen, aber Ihre Schelte ist recht pauschal und klingt verbittert. Ich kenne sehr viele Agenturen und insbesondere Agentur-Chefs. Es wird auch ehrliche und anständige Arbeit geleistet.

    Ein Fazit meiner eigenen Agentur-Zeit lautet allerdings: Der Agentur-Gewinn beruht zum großen Teil auf den unbezahlten Überstunden der Mitarbeiter. Den „schwarzen Peter“ schiebe ich aber den
    Auftraggebern zu, denn die zahlen keine ausreichenden Honorare (mehr). Kreativität hat scheinbar
    keinen (Markt-)Wert.
    Mein Aha-Erlebnis mit der Industrie war 1999, als der Leiter des Zentraleinkaufs von DAIMLER
    zu mir sagte: „Ich kann Ihnen in drei Minuten vorrechnen, daß Sie von Ihrem Honorar nicht leben
    können!“ Da hatte er schon damals Recht und ich…. habe ein paarmal die Gesichtsfarbe gewechselt.
    Außerdem gibt es eindeutig zuviele Agenturen, was den Preiswettbewerb anheizt. Weitere negative
    Konsequenz ist das Ausquetschen der Dienstleister durch Unternehmen und Agenturen.

  6. J. Kausmann

    Sehr passend ist die Aussage „… bei StepStone suchen meist ahnungslose Personalberatungen ..“. Was mir gerade hier die Tränen in die Augen treibt – ich bin nicht sicher ob vom Lachen oder Weinen ;-) – sind dann Aufgabenbeschreibungen wie „Erstellen von Konzeptionen, Beratung des Kunden, ojekteAbwicklung komplexer Eventpr etc. etc.“ gepaart mit dem Anforderungsprofil „Sie haben bereits ERSTE Erfahrungen im Bereich .XY gesammelt“ => auf gute deutsch „jung, willig billig“ :-(.
    Für mich ist das ein Zeichen, dass es in vielen Fällen nur um die reine Mapower geht, die so günstig wie möglich „eingekauft“ wird und dann gegenüber dem Kunden der neue Senior-Eventmanager mit Hochschulabschluss und netten Referenzen mit dem enstprechenden Honoar abgerechnet werden kann.

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