Wundertüte Anonyme Bewerbung – Kommentar & Umfrage

Als Kind war ich immer ganz gespannt, was wohl in der Wundertüte (Vorläufer des Ü-Ei) sein würde. Das war mit 10 Pfennig ein billiges Vergnügen und machte man am liebsten vor der Schule. Heute können Personalverantwortliche auf freiwilliger Basis, allerdings wesentlich teurer, sich mit Bewerbungswundertüten amüsieren. Z.B. mit geschwärzten Lebensläufen oder mit einer entsprechend standardisierten Online-Bewerbung.

Black Power mal anders

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen eine geschwärzte Bewerbung – ohne Namen, ohne Foto, ohne Geschlecht, ohne Altersangabe. ??? Genau, was soll das? Eingetütet hat diese Geschichte die Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Lüders, die kürzlich das Ergebnis einer diesbezüglichen Studie vorstellte. Teilgenommen haben einige Großunternehmen wie die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, L’Oreal und einige staatliche Arbeitgeber. Die Ergebnisse wären sehr ermutigend, meinte Frau Lüders, von den 8.550 Inkognito-Bewerbern seien 1.293 eingeladen und 246 tatsächlich eingestellt worden, die sonst kaum eine Chance gehabt hätten. Zieht man den Neugiereffekt bei den Personal-Chefs ab, bleibt von der tollen Quote vermutlich nicht viel übrig. Ohnehin ist die Studie auch aus anderen Gründen methodisch sehr fragwürdig. Das publizistische Tamtam war allerdings recht groß, weil Journalisten nicht in empirischen Sozialwissenschaften ausgebildet sind.

Pro & Contra

Wenn ich ehrlich bin, muss ich mich innerlich zur Ordnung rufen, wenn ein Bewerber oder eine Bewerberin farbig, asiatisch oder schon älter ist. Zahlreiche Studien belegen dass Randgruppen und Minderheiten unter Sexismus, Rassismus, Behinderten-Phobie und Jugendwahn zu leiden haben. Niemand kann sich von Vorurteilen freimachen, aber als Personalverantwortlicher gehört es zu meinen Aufgaben, in Anforderungsprofilen zu denken, die Erwartungen von Kunden zu berücksichtigen und die Erkenntnisse der Arbeitspsychologie anzuwenden. Dazu zählen u.a. Vielfalt (Diversity), eine gute Mischung aus Jung und Alt, ggf. Internationalität. Manche Agenturen vermelden stolz „bei uns werden 16 Sprachen gesprochen“.

Aus der Perspektive des Bewerbers – ich fände die gesichtslose Bewerbung eine Zumutung. Ich möchte mich nicht verstecken und möchte meine Persönlichkeit in die Waagschale werfen. Im Dienstleistungsbereich ist das Erscheinungsbild eine wichtige Komponente der Gesamtbeurteilung.

Die Leser der Online-Ausgabe der FAZ kommen bei rund 10.000 Stimmabgaben zu dem überwältigenden Ergebnis (64%), dass eine anonyme Bewerbung nicht gut ist. Die w&v startete eine Umfrage unter HR-Verantwortlichen von Agenturen – der Tenor: Das ist für uns irrelevant, wir denken differenziert, im Agentur-Bereich zählt aus-schließlich die Qualität des Bewerbers.

Fazit

Zum Glück soll es bei der Freiwilligkeit bleiben, alles andere wäre ein Eingriff in die Vertragsfreiheit. Political Correctness verführt manchmal zur Schwammigkeit und zu Schwarz-Weiss-Denken im Sinne von „wir sind die Guten“. Vergessen wir nicht, eine Anti-Diskriminierungsbehörde muß natürlich den Nachweis ihrer Daseinsberechtigung führen. Das verstehe ich sehr gut, im vorliegenden Fall würde ich es Schildbürgerstreich nennen.

P.S. Fast alle Teilnehmer an der Pilot-Studie verzichten in Zukunft auf anonyme Bewerbungen.

Autor: Wolf Rübner
Wolf Rübner ist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Event-Markt ein bekannter Name und gehört heute zu den Event-Experten in Deutschland. Als Gründer des EventCampus hat er sich auf Event-Consulting, Personal-Vermittlung und -Beratung für Unternehmen, Agenturen, Messebauer und Event-Dienstleister spezialisiert.

 

Foto: complize / photocase


4 Kommentare
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4 Kommentare

  1. Kourosh Ghaffari

    Danke Ihnen für diesen sehr interessanten Beitrag.

    Das Faszinierende an uns Menschen ist, dass wir von uns selbst glauben, Übermenschen zu sein und anderen vorwerfen, banalen menschlichen Schwächen zu erliegen! Daher kommen gerne solche Selbsteinschätzungen heraus wie „Das ist für uns irrelevant, [ …] zählt ausschließlich die Qualität des Bewerbers“. Solche Einschätzungen haben m.E. nichts mit der Realität zu tun. Die Psychologen haben es immer gesagt, die Gehirnforscher weisen es derzeit nach: Wir Menschen sind in erster Linie von unserem Unterbewusstsein gesteuert.

    Ein Bewerbungsgespräch ist eine Verhandlung! Die Parteien vertreten ihre berechtigten Interessen. Wenn Bewerber meinen Rat suchen, dann empfehle ich Ihnen: geht davon aus – und richtet euer Handeln danach aus – dass ihr es mit einem normalen Menschen zu tun habt und habt keine hohen Erwartungen an die Professionalität. Dann seid ihr auf der sicheren Seite. Wenn ihr gut ausseht, dann präsentiert gerne euer Bild prominent, wenn euer ethnischer Herkunft problematisch sein könnte, dann nehmt lieber das Angebot einer anonymisierten Bewerbung an. Vor Allem aber achtet auf eine authentische innere Haltung.

    Firmen empfehle ich: Intern dafür zu sorgen, dass der Entscheider *anonymisierte* Bewerbungen vorgelegt bekommt, denn er ist „nur“ ein Mensch: Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach unterbewusst seine Entscheidung treffen und bewusst nachträglich „sachliche“ Gründe suchen, um diese Entscheidung zu rechtfertigen. Warum ist es wichtig? Wenn jemand einen Reisepartner für eine Weltreise sucht, dann ist es in erster Linie wichtig, dass die „Chemie stimmt“. Hier aber geht es um die passende Besetzung *einer Rolle für die Firma*. Wenn die Chemie-Frage erst in der 2ten Phase gestellt wird, dann hat der Interviewer (hoffentlich eher) eine Chance, eine ausgewogene Entscheidung zu treffen, denn sein Ratio hat ihm bereits eine sachlich fundierte Entscheidung vorgelegt!

    Zum Thema Agenturen: Einige Jahre hatte ich beruflich viel mit ihnen zu tun. Meine bescheidene Außensicht bezüglich dieses Themas: Optisch erscheinen die Menschen in der Tat sehr bunt, aber auch diese Arbeitgeber ziehen primär Menschen mit einer ähnlichen *Haltung* wie sie selbst an! Ich meine, modellhaft gesprochen, 2 Ausprägungen ausgemacht zu haben: 1. Die ach-wir-Künstler-haben-es-so-schwer-Agenturen. Sie stellen m.E. zu wenig Ratio-Menschen ein, die sie davor bewahren könnten, ständig künstlerisch wertvolle aber unrentable Aufträge anzunehmen. 2. Die Chaka-wir schaffen-noch-mehr-Umsatz-Agenturen mit einer hohen Fluktuation an frustrierten Mitarbeitern. Diese stellen eher zu wenig Menschen ein, die für das Zwischenmenschliche sorgen könnten.

    Sorry, dass mein Kommentar lang ausfiel. Es ist ja auch ein spannendes Thema :)

  2. AC

    Ich denke dass eine anonyme Bewerbung der Standard der Zukunft sein muss. In allen mir bekannten Fällen folgt auf eine Bewerbung ohnehin ein Bewerbungsgespräch, in dem sich Bewerber und Arbeitgeber „in Echt“ gegenübersitzen. Eine doppelte Prüfung des persönlichen „Fit’s“ ist sogesehen eigentlich unnötig, und sollte ausnahmslos im Gespräch stattfinden. Die Bewerbungsunterlagen sollen ja nur die fachliche Eignung zeigen.

  3. Wolfgang Bergfeld

    Schade, dass diese Studie solch grobe methodische Mängel hat. Schön wäre es ja, wenn Vorurteile aller Art nicht mehr so großen Einfluss auf die Vorauswahl hätten und zumindest in einigen Fällen im persönlichen Gespräch zurechtgebogen werden könnten. Gerade Menschen mit interessanten, aber eben nicht stromlinienförmigen Lebensläufen fallen meiner Meinung nach viel zu oft durchs Raster, auch wenn sie keine definierte „Randgruppe“ sind.

    Etwas fragwürdig finde ich Ihre Aussagen zu Farbigen, Asiaten und „schon Älteren“, auf die sich dann wohl der durch Studien belegte Jugendwahn bezieht.

  4. Antje

    Ich persönlich halte die Idee einer anonymen Bewerbung für gar nicht verkehrt. Mal als Vergleich. Wenn ich nach einer Informationen im Internet suche, ist es mir auch egal ob die Website Wikipedia heißt, Spiegel oder sonstwas, hauptsache ich finde die Information die ich suche und kann der Quelle vertrauen. Da letzteres bei einer Bewerbung angenommen werden kann, ist es doch dann für die Suche der Personalchefs völlig unerheblich, um welche Art von Person es sich handelt, wenn die möglichen Leistungen zum Aufgabenprofil der Stelle passen. Klar, ich sehe auch Contras aber das PRO für die anonyme Bewerbung kam mir gleich nach dem Lesen der ersten Sätze in den Sinn.

    Viele Grüße,
    Antje

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