Reset: ein unerwartetes Verhüllungsprojekt, das die Formen der Wahrnehmung hinterfragt

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Im dritten und letzten Teil unseres Nachberichts zum Szenografie Kolloquium 2015 darf auf gar keinen Fall ein Kunstprojekt fehlen, das eigens für die Veranstaltung in der DASA umgesetzt wurde: reset! Eine mutige, doppeldeutige Verhüllungsaktion, die nicht nur mit optischen und meinungsbildenden Perspektiven spielte, sondern auch bewusst Verlegenheit und Irritation provozierte.

Zur besseren Verdeutlichung des Projekts, muss ich aus unserer Perspektive heraus etwas ausholen. Aber das Lesen lohnt sich :)

reset – Formen der Wahrnehmung

Es war nicht zu übersehen, als wir die Stahlhalle der DASA am zweiten Tag des Kollquiums betraten: Die großen Maschinen der Ausstellungshalle waren mit weißen Stoffbahnen verhüllt. Eine Installation, die dem Raum eine neue Struktur gab, aber trotzdem alte, bekannte Formen der dahinterliegenden Maschinen durchscheinen ließ. Im Zusammenspiel mit Lichtinszenierungen und Projektionen sollte sie, angelehnt an das Thema des Kolloquiums „Formen der Wahrnehmung“, neue Sichtweisen eröffnen, wie wir später erfahren werden.

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Zu Beginn noch vollkommen unwissend nahmen wir die Szenerie erst einmal so auf. Jedoch erfuhren wir zügig mehr. Andere Teilnehmer erzählten uns, dass es das Werk des Künstlers Frederik Hirsch war. Am Vortag stellte Gastgeber Gregor Isenbort das Projekt als eine bedeutende Vorschau einer baldigen Ausstellung in New York vor. Eine wohl höchst ausführliche Selbstvorstellung des Künstlers und besonderen Gastes folgte. In diesem Kontext wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass Fotos des Verhüllungsprojekts nicht erlaubt seien, sagten uns Besucher. Henning hatte da natürlich schon einige gemacht. Auch wenn wir uns vorab angekündigt hatten, waren wir aufgrund der Hinweise der anderen Besucher doch etwas verunsichert, ob wir unsere Fotos wirklich nutzen dürften.
Wie auch bei uns selbst schwang überall eine Mischung aus Respekt, Irritation und Unsicherheit mit, denn so richtig bekannt war der groß angekündigte Künstler irgendwie keinem.

Nach einem halben Konferenztag und dem einen oder anderen Gespräch (auch über die Verhüllung), wurde es plötzlich skurril. Frederik Hirsch begann sich lauthals zu streiten, stand auf einmal auf der Bühne, sang und versuchte das eher verhaltene Szenografie-Publikum mehr oder minder harsch zum Schunkeln anzuregen. „Nun seid doch nicht so humorlos“ fuhr er die Besucher an. An dieser Stelle ließ sich erahnen, dass da etwas nicht stimmte. Nur was sollte das?

reset-szenografie-kolloquium-2015-fh-dortmund-studentenDie Auflösung kam sodann von Szenografie Studenten der FH Dortmund. Stück für Stück kam heraus, dass die Verhüllung in Wahrheit ihre Arbeit gewesen war. Und Frederik Hirsch? Auch er war Teil der Inszenierung und sollte eine weitere Dimension des Oberthemas eröffnen.

„Entsprechend dem Thema der Tagung ‚Formen der Wahrnehmung‘ wurde mit dem aufkommenden Peinlichkeitsgedanken des Fachpublikums gespielt, eine wichtige Person aus den eigenen Reihen nicht zu kennen. Bis zur Auflösung der Rolle am zweiten Abend des Kolloquiums blieb der Schauspieler in seiner Rolle, die sich mit eingeweihten Personen bis zu einem Eklat steigerte.“, so beschreiben es die Studenten selbst.

Während der Auflösung wurde das Ausmaß des perfiden Plans immer deutlicher. Sie hatten nicht nur seitenlange Briefings für die Beteiligten ausgearbeitet, die über die genauen beruflichen, aber nicht freundschaftlichen Verhältnisse u.a. zwischen Gregor Isenbort und Hirsch aufklärten, sondern auch eine eigene Website erstellt. Dort wurden der Künstler und seine Projekte (Leihgaben anderer Künstler) vorgestellt. Wer sich am Abend zuvor irritiert auf die Suche nach diesem ihm bis dahin unbekannten Künstler machte, wurde also fündig! Großartig detailverliebt :)

frederik-hirsch-websiteDas Publikum nahm die durch und durch gelungene Täuschung positiv, geradezu erleichtert und mit Humor auf. Eine in diesem Moment wirklich unterhaltsame, aber auch kritische Intervention im Rahmen einer solchen Veranstaltung mit sehr ernsthaften Diskussionen und Teilnehmern. Gerade ihnen eine inszenierte Unwissenheit, eine beeinflusste Wahrnehmung und die Wichtigkeit des Hinterfragens aufzuzeigen ist mutig. Eine Idee, die der nachwachsenden Generation alle Ehre macht, wird doch gerade ihr zugeschrieben alles zu hinterfragen. So anscheinend und zurecht auch die Formen der Wahrnehmung. Hier wurde anschaulich verdeutlicht, wie wichtig einzelne Faktoren für das eigene Meinungsbild, für die eigene Wahrnehmung sein können!

Mir persönlich gefällt dabei nicht nur die Aussage der Intervention, sondern auch die Umsetzung. Es wurden nicht nur der Raum, sondern auch die Menschen aktiv, wenn auch zunächst unwissentlich, eingebunden. Ganz sicher ein Highlight des 15. Szenografie Kolloquiums 2015!


» Teil 1 des Nachberichts: Szenografie Kolloquium – wie Raumwirkung, Objekte & Bewegung das Besucherlebnis lenken

» Teil 2 des Nachberichts: Experimentelle & kritische Betrachtungen von Raumdesign und Ausstellungen

» Weitere Fotos vom Szenografie Kolloquium 2015


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