Corona: Technologien und Beispiele für kontaktlose, interaktive Medienstationen

Foto: Jan Antonin Kolar | Unsplash

Corona zwingt uns bestehende Interaktionskonzepte neu zu denken. Das betrifft nicht nur komplette digitale Eventformate als Ersatz oder Ergänzung für Präsenzveranstaltungen. Das betrifft auch kleinere Details wie zum Beispiel interaktive Medienstationen. Touchscreens und Module, die von etlichen Gästen in kurzen Zeitabständen mit den Fingern bedient werden müssen, können zur Verbreitung des Virus beitragen. Somit stellt sich auch hier die Frage: Wie können Medienstationen und -installationen anders, sprich kontaktlos gestaltet werden?

Ein Webinar von Ecsite beschäftigte sich mit genau dieser Frage. Anna Heimbrock von Studio YIPP, das digitale und interaktive Medien-Applikationen entwickelt, stellt alternative Technologien, Möglichkeiten und Beispiele vor.

Stifte für bestehende Touchscreens

Zu Beginn eine schnelle und einfache Lösung für bestehende Medienstationen: Stifte für Touchscreens. Jeder Gast erhält einen wiederverwendbaren, desinfizierten Stift, um die Screens kontaktlos zu bedienen. Das Angebot ist groß und vielseitig, man erhält sie zum Beispiel auch bei amazon*

 
Wenn neue, interaktive Medienstationen geplant sind, ist es jedoch sinnvoll direkt an kontaktlose Interaktionsmöglichkeiten zu denken. Schließlich wird uns Covid-19 noch etwas länger begleiten – vermutlich ebenso wie die Sensibilität der Menschen für übertragbare Krankheiten.


Lichtsensoren

Ein Menü lässt sich nicht nur mit den Händen bedienen, sondern auch mit den Füßen. In der Wanderausstellung Kinghts & Castles wurde  genau das an manchen Stationen ermöglicht. Hierbei wurden Lichtsensoren in Verbindung mit Projektionen eingesetzt. In die auf den Boden projizierten Inhalte wurden Menüfelder integriert, die über Lichtschranken gesteuert wurden. Unterbrach ein Fuß das Licht, erkannte das System die Auswahl. Dies ist laut Anna eine äußerst simple, günstige, einfach zu installierende und vielseitig einsetzbare Technologie.

Wanderausstellung Kinghts & Castles | YIPP

Tablets

Sofern jede Bersucherin und jeder Besucher ein eigenes, desinfiziertes Tablet erhält, lassen sich auch hierüber gemeinsame Oberflächenkontakte vermeiden. Sie eignen sich besonders als frei erkundbare Sammlung vieler verschiedener Inhalte und Informationen zu allen Exponaten. So kann gegebenenfalls auf einzelne Medienstationen verzichtet werden. Neben Texten, Videos, Bildern, Umfragen, spielerischen und interaktiven Angeboten und vielem mehr lassen sich auch Augmented Reality Anwendungen umsetzen.

Im Verhältnis zu den anderen Möglichkeiten ist dies eine der teuersten Varianten – in Bezug auf die Hardware. Schließlich reicht nicht nur ein Tablet, sondern je nach Anlass müssen es 50, 100 oder mehr sein.

Foto: Beispiel aus dem Sonnenborgh in Utrecht| YIPP

Bring your own Device

Eine Alternative zu individuellen Tablets und dem damit aufkommenden Lager- und Ausgabeaufwand, sind Bring your own Device-Inhalte. Hierbei können Gäste ihr eigenes Smartphone nutzen, um aufbereitete Inhalte über einen QR Code oder eine Exponat-Nummer abzurufen. Eine App, die man in die App-Stores hochladen und die die Gäste herunterladen müssen, ist dafür nicht notwendig!

Am einfachsten sind statische Inhalte wie Texte, Fotos und Videos. Natürlich lassen sich prinzipiell auch andere Elemente wie z.B. Augmented Reality Angebote einbauen, jedoch muss man hier qualitative Abstriche machen. Zudem muss man auch bedenken, dass der Display recht klein ist und die Inhalte auch auf Handys mit etwas älterer Software abrufbar sein sollten. Nicht zuletzt sollte man sich ziemlich sicher sein, dass alle Menschen ein entsprechendes Endgerät haben und nutzen möchten – oder alternativ einige Leih-Handys auf Lager haben.

Infrarotkamera

Mit dieser Technologie kann nahezu jedes Objekt zum Controller werden. Man muss lediglich einen Marker anbringen – und natürlich die entsprechenden Kameras an den Stationen. Damit lassen sich sehr spielerische Installationen umsetzen, wie beispielsweise eine im NEMO in Amsterdam. Dort sollen die BesucherInnen mit physischen Schilden eine projizierte Erde schützen.

Über Infrarotkameras können aber auch simple Pappschilder zu individuellen Projektionsflächen für Informationen werden, wie es im Deutschen Pavillon auf der Expo 2015 realisiert wurde.

Eyetracking

Eyetracking ist eine sehr spannende Technologie, die sich aber nicht für jeden Einsatz eignet. Studio YIPP hat dies beispielsweise bei einer Ausstellung im M Leuven in Belgien eingesetzt. Dort sollte die Kollektion aus über 52.000 Kunstwerken auf eine andere Art präsentiert werden. So hat man gemeinsam mit der Universität Leuven ergänzende Screens mit Eytracking Systemen ausgestattet und den Besuchern die Möglichkeit gegeben, nachzuverfolgen, wie genau sie Kunst betrachten. Dort wurde auch noch ein Touchscreen verwendet, auf den man 2020 wohl eher verzichten würde.

Eyetracking bietet sich eher für solche speziellen und besonderen Erlebnisformen an. Für die reine Benutzerführung eignet sie sich nicht. Zum einen, weil sie nicht sonderlich intuitiv ist. Zum anderen können wir unsere oft unbewussten und reflexartigen Blickrichtungen nicht immer gezielt steuern. Wenn etwas unser Interesse weckt, schauen wir automatisch hin, das können wir nur schwer unterdrücken.

3D- oder Tiefenkamera

Mit dieser Technologie kann man Bewegungen des kompletten, menschlichen Körpers wahrnehmen und nutzen. Eine sehr besondere und erlebnisreiche Form der Interaktion. Für die reine Menüführung ist sie viel zu schade – und würde vermutlich auch viel zu sehr von den zu vermittelnden Inhalten ablenken. Hierbei sind Interaktionen über einen Bildschirm oder eine Projektion möglich. Im Forschungszentrum Experimenta in Heilbronn wird diese Kamera sehr spielerisch eingesetzt. Die BesucherInnen sollen Objekte, die ihnen gezeigt werden, bestmöglich mit ihrem Körper nachbilden.

Eine spannende Technologie, die jedoch auch recht spezielle Inhalte oder Themen bedarf.

Foto: Experimenta in Heilbronn | YIPP

Tracking der Hände

Es gibt Hardware und Software, die speziell die Handbewegungen sehr präzise tracken kann. Leap Motion ist eine Marke und Firma, die dies anbietet. Diese Anwendung eignet sich laut Anna besonders gut für Simulationen. Darüber könnten BesucherInnen beispielsweise nachvollziehen, wie präzise Handbewegungen bei einer Herzoperation sein müssen. Die Nutzung ist sehr intuitiv, aber trotzdem ein besonderes Erlebnis.

Überraschenderweise ist die Hardware für diese Technologie laut Anna nicht sonderlich teuer, ca. 100 Euro pro Aufbau. Damit könnte man sie auch für die reine oder ergänzende Bedienung von Medienstationen einsetzen.

 

Begleitende Fragen und Probleme

Neben den rein technologischen Möglichkeiten kommen jedoch auch andere Fragen bei diesem Thema auf.

Unter anderem wie man Menschen davon abhält, einen Screen ganz automatisch zu berühren? Schließlich haben sich Touchscreens mittlerweile etabliert. Eine tatsächlich reale Problematik und gute Frage!
Das Studio YIPP würde dies über das Interaktionsdesign lösen. Sowohl die Bedienoberfläche als auch der physische Aufbau müssten sich deutlich unterscheiden und nicht zur intuitiven Berührung animieren. Beispielsweise sollten die Screens anders, u.a. nicht auf Handhöhe, positioniert werden. Zu Beginn müsste man eine solche Gestaltung vermutlich etwas überspitzt umsetzen, bis die Menschen sich daran gewöhnt haben.

Ein anderes Thema ist die Barrierefreiheit. Nicht alle Technologien sind komplett barrierefrei umsetzbar. Beispielsweise sind Eyetracker für Menschen mit einseitigen oder beidseitigen Seheinschränkungen nur schwer anpassbar. Alternative Anpassungen für Menschen mit Einschränkungen müssen bei jeder Station und jedem Inhalt individuell überprüft werden.


Wichtiger Hinweis: Kontaktlose Stationen und Abstand alleine lösen die Corona-Problematik natürlich nicht gänzlich! Schließlich verbreitet sich das Virus auch über Aerosole im Raum. Dort können sich infektiöse Viren sogar über mehrere Stunden halten. Daher bedarf es neben kontaktlosen Stationen und Abstand einen Mund- und Nasenschutz sowie eine sehr gute Belüftung, um das Risiko einer Ansteckung noch weiter zu mindern!


Aufzeichnung des ganzen Webinars: Corona-proofing museum interactives

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