Corona-Studie: Wie groß ist das Risiko von Konzerten & Veranstaltungen? – „Restart-19“ der Uni Halle

Foto: Restart-19

Am 22. August 2020 fand ein Konzert mit Sänger Tim Bendzko in der Quarterback Immobilien Arena Leipzig statt. Dies war kein normales Konzert, sondern ein wissenschatliches Experiment der Universitätsmedizin Halle (Saale). Das Ziel des Foschungsprojekts Restart-19 war es das Risiko der Verbreitung von COVID-19 durch Hallen-Großveranstaltungen zu simulieren und dabei Rahmenbedingungen zu erforschen unter denen solche Veranstaltungen trotz Pandemie durchgeführt werden können. Letzte Woche wurden nun die Ergebnisse präsentiert.

Während der Veranstaltung wurden drei Szenarien simuliert, die sich in der Gästezahl, den Abständen und Bewegungs-/Raumkonzepten unterschieden. Die Teilnehmenden erhielten Kontakt-Tracer, die wissenschaftliche Daten über Bewegungen und Kontakte sammelten. Zudem wurde anhand von Computersimulationen untersucht, welche Bedeutung verschiedene Lüftungskonzepte bei der Verbreitung von Aerosolen haben.

Das für uns wichtigste Ergebnis der Studie: Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten, Abständen und einer guten Durchlüftung sind die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering. Mit solchen Maßnahmen ist das Ansteckungsrisiko 70-mal geringer als ohne Hygienekonzept und mit schlechter Lüftung, so die Leiter der Studie. Anders betrachtet hat eine Großveranstaltung ohne Hygiene-Konzept und mit schlechter Durchlüftung durchaus das Potenzial, die Ansteckungszahlen um bis zu 20% ansteigen zu lassen.

Niedrige Kontaktzahlen und eine gute Belüftung sind die wichtigsten Faktoren

„Die Ergebnisse decken sich mit unseren Thesen insoweit, als dass wir vermutet haben, dass die Kontakte, die bei einer Veranstaltung erfolgen, nicht alle Teilnehmenden umfassen. Deshalb könnten Veranstaltungen unter bestimmten Bedingungen auch in der Pandemie-Situation stattfinden. Die wichtigste Erkenntnis war für uns, wie groß die Auswirkungen einer guten Belüftungstechnik sind. Diese ist für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente“, sagt Studienleiter Dr. Stefan Moritz von der Universitätsmedizin Halle (Saale). Diese Erkenntnisse sind der Strömungssimulation zu verdanken, die gemeinsam mit einem Ingenieurbüro entstanden sind. „Wir haben zusammen mit einem Ingenieurbüro die gesamte Quarterback Immobilien Arena als Computermodell nachgebaut und in kleine Würfel geteilt. Danach haben wir simuliert, wie sich verschiedene Lüftungsvarianten auf die Aerosolversteilung ausgewirkt haben“, erklärt Moritz.

Die große Bedeutung der Durchlüftung ist aus meiner Sicht aber auch etwas problematisch. Denn es wird wohl nur wenige Eventlocations geben, bei denen klar ist, wie gut oder wie schlecht ihre Belüftung tatsächlich ist. Wie auch die Forscher*innen selbst erfahren haben, können auch gut beabsichtige Maßnahmen, zu einer schlechteren Luftströmung führen. Solange dies nicht tatsächlich untersucht bzw. simuliert wird, ist das im Einzelfall höchst ungewiss.

Unter Einhaltung der Regeln haben Konzerte nur geringe Auswirkungen auf die Pandemie

Neben der Verbreitung des Virus auf der Veranstaltung haben die Forscher*innen auch die generellen Auswirkungen solcher Veranstaltungen auf die Epidemie untersucht. „Um die Auswirkungen der Übertragung auf die Ausbreitung der Epidemie in der Bevölkerung insgesamt zu untersuchen, haben wir ein detailliertes epidemiologisches Simulationsmodel entwickelt“, sagt Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk vom Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik der Medizinischen Fakultät der Universität Halle. „Wir griffen dabei auf existierende Modelle zur pandemischen Planung zurück und haben es entsprechend angepasst.“

Laut Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk sind Veranstaltungen, wie dieses durchgeführte Konzert, im Mittel und unter Einhaltung der genannten Regeln nicht so gefährlich, wie zunächst grundsätzlich angenommen. Jedoch kann es natürlich trotzdem passieren, dass es im Einzelfall zu hohen Ansteckungszahlen kommt. Zum einen aufgrund der ungewissen Belüftungssituation. Zum anderen, weil es gemittelte Zahlen sind und ungewöhnliche Einzelfälle auftreten können. Diese Einzelfälle sollten jedoch nicht zu pauschalen Schlussfolgerungen herangezogen werden, so Mikolajczyk.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Gesamtzahl der mehrere Minuten langen kritischen Kontakte ist bei der Veranstaltung nicht sehr hoch und kann durch Hygiene-Konzepte erheblich reduziert werden.
  • Insbesondere während des Einlasses und der Pausen finden viele Kontakte statt. Daher müssen diese Situationen im Fokus der Planung stehen.
  • Schlechte Belüftung kann die Zahl der dem Ansteckungsrisiko ausgesetzten Menschen deutlich erhöhen.
  • Rund 90 Prozent der Studienteilnehmenden finden es nicht schlimm, eine Maske zu tragen und sind bereit, dies weiterhin zu tun, um wieder Veranstaltungen erleben zu können. (Umfrage nach dem Konzert-Experiment)
  • Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten sind die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering.

Empfehlungen der Forscher*innen:

  • Veranstaltungshäuser benötigen Belüftungstechnik, die eine gute Belüftung und einen regelmäßigen Raumluftaustausch mit frischer Luft ermöglicht. Sinnvoll ist die Erstellung eines Bewertungssystems für eine adäquate Raumlufttechnik. Ein Investitionsprogramm von Bund und Ländern könnte dabei helfen, Hallen mit einer adäquaten Belüftungstechnik auszustatten.
  • So lange die Pandemie anhält, müssen Hygiene-Konzepte weiterhin angewendet werden. Dazu zählen 1,5 Meter Abstand, Maskenpflicht in der Halle und Hygiene-Stewards, die die Einhaltung der Standards beaufsichtigen.
  • Der Bestuhlungsplan und somit die Gästezahl sollten an die Inzidenz angepasst werden. Bei einer Inzidenz unter 50 sollte die Gästezahl auf 50 Prozent reduziert werden. Darüber sollte die Zahl der Zuschauer*innen auf 25 Prozent gesenkt werden.
  • Als Zugang zu den Veranstaltungsorten sollten mehrere Eingänge vorhanden sein, um Besucherströme zu lenken. Wartezonen sollten ins Freie verlagert werden.
  • Während der Veranstaltung sollte an den Sitzplätzen gegessen werden, um Gedränge und lange Kontakte an Imbiss-Ständen zu vermeiden. Die Forscher*innen empfehlen generell eine Maskenpflicht am Platz und dass Konzerte nur im Sitzen stattfinden sollten.

Pressekonferenz mit weiteren Details

Weitere, sehr interessante Details zur Studie und den Ergebnissen entnimmst du der aufgezeichneten Pressekonferenz.

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Quellen: Pressemeldung der Universität Halle und Pressekonferenz


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