kogag – Aufstieg und Fall einer großen Agentur

Kommentar Wolf Rübner, 1990 bis 2000 Mitglied der kogag Geschäftsleitung

Nein, dies ist kein Nachruf auf kogag, denn die Wiederbelebungsversuche sind ja angelaufen. Nein, bei der Nachricht vom vorläufigen Niedergang dieser einst großen und stolzen Agentur kann man nicht zur Tagesordnung übergehen.

Die kogag ist seit gut 40 Jahren eine markt-prägende Agentur und über viele Jahre ein unumschränkter Marktführer gewesen. So etwas wie das ‚Imperium Romanum‘ unter den Event-Agenturen, ein Fels von einem Unternehmen, vor Kraft strotzend, mit Wucht und Dynamik. Gegründet vom Vollblut-Unternehmer Peter Bremshey und dem ‚Gentleman‘, Ralf Domning, dem ruhenden Gegenpol. Sie schufen ein Unternehmen mit starken Werten wie hohe Kundenorientierung, Liebe zum Detail, Perfektion und einer außergewöhnlichen Dienstleistungsmentalität. Sie bauten auf Team-Geist als das noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehörte. Sie übertrugen Mitarbeitern Verantwortung und waren als gelernte Hoteliers auch kluge Kaufleute. Sorgfältiges Abwägen von Entscheidungen und solides Wirtschaften gehörten zu den Erfolgsfaktoren.

Nach und nach versammelten die beiden Kapitäne eine Mannschaft von qualitäts-besessenen Event- und Incentive-Experten um sich. Die kogag erarbeitete sich einen Ruf wie Donnerhall, wenn es um Zuverlässigkeit, erfolgreiche Veranstaltungen und scheinbar unmögliche Aufgaben ging. Und – Erfolg zieht Erfolg an: die Agentur war ein Magnet für Kunden und potentielle Mitarbeiter.

Auf dem Höhepunkt: das Menetekel

Im Frühjahr 2000 hielt der Unternehmensberater Dieter Heitsch vor Führungskräften der kogag einen bemerkenswerten Vortrag mit dem Titel „Die kogag muß ihren Erfolg überleben!“. Der Weckruf erfolgte zu einer Zeit als man sich auf dem Höhepunkt der Macht und Ausdehnung befand. Ca. 200 festangestellte Mitarbeiter an den Standorten Solingen, Berlin und München. Ein großzügiger Erweiterungsbau stand kurz vor der Vollendung. Der Himmel stand weit offen…

Die Warnung fiel nicht auf fruchtbaren Boden, denn sie stand im größtmöglichen Kontrast zur damaligen Situation des Unternehmens. Es bewahrheitete sich in den nächsten 11 Jahren aber auch der geflügelte Satz die größten Fehler macht man in Zeiten des größten Erfolges. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, übermütig zu werden, sich selbst zu überschätzen und im wahrsten Sinne des Wortes „betriebsblind“ zu werden. Hausgemachte Probleme, Management-Fehler und konjunkturell bedingte Umsatzdellen begannen ihr zersetzendes Werk…..

Das Erdbeben

Das „Erdbeben“ ereignete sich weit entfernt von Solingen in New York am 11. September 2001, was in der Folge nicht nur die guten Margen der Agenturen und Dienstleister für immer zerstörte, sondern auch zum ersten großen personellen Aderlass der kogag führte. Freiwillige und unfreiwillige Abgänge von Leistungsträgern und Führungskräften veränderten unmerklich und schleichend die einzigartige Unternehmenskultur. Die verschworene Gemeinschaft in der Führung und in den Teams bekam Lücken und Risse. Das Nach-beben ereignete sich beim Ausscheiden von Peter Bremshey als Geschäftsführer und Gesellschafter im Jahre 2003.
Im Moment der größten Umsatz- und Ertragsbelastung entstand mit dem Erweiterungsbau ein enormer Fixkostenblock, der in der Folge wie ein Mühlstein um den Hals der kogag hing. Auch psychologisch waren die Leerstände im Anbau ein mulmiger Anblick.

Der Wettbewerb wurde intensiver, auch durch das Überangebot an Agenturen, das bis heute fortbesteht. Die Bandagen wurden härter durch die Einkaufsabteilungen der Unternehmen, die zunehmend auf den Plan traten. Insgesamt ist ein unfairer Umgang mit Agenturen zu beobachten. „Spielchen“ und Machtspiele sind an der Tagesordnung. Absurde Pitches und Preis-Diktate schwächen die Agentur-Position, sie sind ganz leicht erpressbar. Die kogag ist schließlich nicht die erste prominente Agentur-Insolvenz.

Die Katastrophe

Die wirtschaftliche Krise der Jahre 2008/2009 hinterließ in den Bilanzen von Agenturen und Event-Dienstleistern tiefe Spuren. Viele kämpften ums Überleben, einige schafften es nicht ans rettende Ufer. Reserven wurde aufgezehrt, gute Mitarbeiter wurden entlassen und in die Freiberuflichkeit gezwungen. Kurzarbeit in Event-Agenturen, das hätte sich beim besten Willen niemand vorstellen können. Der Substanzverlust der kogag setzte sich fort, auch durch……

Foulspiel und strategische Fehler

In der Agenturwelt sind Zellteilungen üblich, d.h. Leistungsträger machen sich mit einer eigenen Agentur selbständig und nehmen Kunden mit. Das passierte in den Jahren ab 2002 bei der kogag allerdings recht häufig und obendrein wurden auch noch fähige Mitarbeiter abgeworben. Die einsetzende gewaltige Fluktuation von Mitarbeitern verkraftet kein Unternehmen der Welt, denn sie bedeutet Verlust von Produktivität, von Geld, Qualität und Stabilität.

Die Statik der kogag, des sozialen Organismus, war beschädigt, auch wenn das nicht augenfällig war. Im Mannschaftssport erlebt man es häufiger, dass ein Team von einer Saison auf die andere seine Leistungsfähigkeit einbüßt, obwohl es fast die gleichen Spieler sind. Ähnliches gilt für den Trainer – es gibt Leistungseinbrüche und -explosionen durch einen Trainerwechsel. Die kogag hatte in den Jahren ab 2002 wohl auch nicht mehr das richtige Trainer-Team.

Strategische Versäumnisse lagen ganz sicher darin, dass die großen Trends der Branche (Spezialisierung, Internationalisierung, Social Media, Green Events) verschlafen wurden. Die kogag ist heute eine Agentur ohne Profil. Wofür steht die Marke? Die Tugenden der Vergangenheit genügen allein nicht mehr. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Als Außenstehender hat man den Eindruck, dass die kogag in den letzten Jahren mehr verwaltet als gemanagt wurde.

An dieser Stelle kann natürlich keine erschöpfende Ursachenanalyse betrieben werden, dafür fehlt es auch an zeitnahen Insider-Kenntnissen.

Eine Kaderschmiede der Nation

Was bleibt von der kogag? In jedem Fall hunderte von excellent ausgebildeten Event-Profis, die in ganz Deutschland verstreut arbeiten: in eigenen oder fremden Agenturen, bei Unternehmen und Event-Dienstleistern, als Freelancer oder als selbständige Berater. Wer kogag als längere Station in seinem Lebenslauf stehen hat, profitiert von diesem Ruf und hat gelernt, auf höchstem Niveau Veranstaltungen zu konzipieren und zu steuern.

Der kogag ist zu wünschen, dass sie wie der Vogel Phönix der Asche entsteigt.


Autor: Wolf Rübner
Wolf Rübner ist mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Event-Markt ein bekannter Name und gehört heute zu den Event-Experten in Deutschland. Als Gründer des EventCampus hat er sich auf Event-Consulting, Personal-Vermittlung und -Beratung für Unternehmen, Agenturen, Messebauer und Event-Dienstleister spezialisiert.

5 Kommentare
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5 Kommentare

  1. Mehr Licht

    Hallo Herr Rübner – wohl nichts dazugelernt. Die Sprache ist immer noch die gleiche – nach wie vor getragen von Trugbildern und Potemkinschen Dörfern !

    Schuld sind immer die anderen oder die Umstände – siehe Finanzkrise- nur fällt es jetzt mehr auf! Zum Glück.

    Da muss man dankbar sein, wenn man Derartiges lesen darf – um in seiner Meinung über die Zunft der „Zelt- und Budenbauer“ bestätigt zu werden.

  2. Mario Flaschentraeger

    Lieber Herr Rübner, man spürt den Schwermut im Kommentar. Und als Insider des Unternehmens können Sie dies sicherlich besser beurteilen als die meisten von uns. Wie auch anderorts bereits beschrieben sehe ich die Gründe für einen teilweisen Niedergang in unserer Branche aber auch in ein paar ganz handfesten Rahmenbedingungen wie Compliance, sinkende Etats, das machen wir selber, sinkende Ansprüche und last but not least rückläufige Nachfrage. Kogag wird nicht der letzte sein!

  3. Prof. Dr. Hans Rück

    Sehr geehrter Herr Rübner, Sie kennen das Unternehmen Kogag von innen und damit besser als ich. Dennoch erlaube ich mir mit allem Respekt die Anmerkung, dass die von Ihnen angeführten Gründe (»das Menetekel, das Erdbeben, die Katastrophe«) die wahren Ursachen der Kogag-Pleite vernebeln. Die Ursachen liegen nämlich nicht in einer Serie unbeherrschbarer Katastrophen (9/11, Lehman), sondern in ganz irdischem Fehlverhalten einer Agentur und ihrer Branche. Dass die Finanzdecke von Event-Agenturen lächerlich dünn ist, haben diese sich zuallererst selbst zuzuschreiben. Sodann liegt es in der Verantwortung der Auftraggeber und insbesondere ihrer Einkaufsabteilungen, den Pitch-Wahnsinn zu stoppen und beim Einkauf von Event-Dienstleistungen zu den Grundsätzen der ökonomischen Vernunft zurückzukehren. Um sich Gehör zu verschaffen und diese Regeln durchzusetzen, bräuchte die Event-Branche Interessenvertretungen, die diesen Namen verdienen. Solche sehe ich derzeit nicht. Das FME jedenfalls hat sich zu dieser für Agenturen lebenswichtigen Frage bisher überhaupt nicht zu Wort gemeldet. Das ist ein Versagen erster Ordnung. Und was die hausgemachten Probleme der Event-Agenturen angeht, so verweise ich auf meinen Artikel in der neuesten Ausgabe der »Events«. Als gelernter Werbekaufmann erlaube ich mir, die Damen und Herren Agentur-Vertreter daran zu erinnern, doch bitte endlich ihrem Anspruch als Marketing-Experten gerecht zu werden und für ihre eigenen Unternehmen Erfolg versprechende Positionierungen zu suchen, zu finden und wirksam zu kommunizieren. Denn die Flut von Wettbewerbspräsentationen ist natürlich auch dadurch bedingt, dass Auftraggeber keinen Vorteil darin sehen, längerfristige Beziehungen zu Agenturen zu unterhalten, weil diese keinen klaren USP haben. Ich freue mich auf eine gelegentliche Fortsetzung des konstruktiv-kritischen Dialogs. Mit freundlichen Grüßen: Hans Rück

  4. Ramin Dirinpur

    Sehr geehrter Herr Rübner,

    danke für diesen interessanten Artikel.

    Ich war ab 2005 mehrere Jahre als Salespromoter und Freelancer im Auftrag der kogag unterwegs.
    Es war die professionellste und beste Agentur mit der ich arbeiten durfte.

    Heute bin ich Manager bei einem Elektronikkonzern und würde mir wünschen, dass es mehr Agenturen geben würde wie seinerzeit die kogag.

    Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, war einer der Hauptgründe des „Untergangs“ damals der Verlust eines sehr großen Kunden und der gleichzeitige einhergehende Weggang des fast gesamten mittleren Managements.

    Dinge wie den 11. September anzuführen hilft nicht, da alle anderen Agenturen, Firmen und Menschen auch mit diesen Dingen und deren Folgen zu kämpfen hatten.

    Deshalb denke ich die Probleme sind einfach hausgemacht.

    Das die Unternehmen Pitches machen ist natürlich unangenehm für die Agenturen, wir als Hersteller müssen aber diese Möglichkeit nutzen um marktgerechte Preise zu erzielen und nicht abgezockt zu werden.

    Ich denke heutezutage hat man als Agentur langfristig nur eine Chance, wenn man dem Kunden ein größeres Portfolio bietet als die Konkurrenz und sich auf jedenfall insbesondere durch technisches Knowhow spezialisiert. (Evaluierungen, Reportings, Trendanalysen, technisches Knowhow, Online Abrechnungssysteme, Handy Apps)

    Die „Macht“ der Agentur muss also in den technischen Systemen sein und nicht nur im Personal. Sonst kann durch jeden personellen Weggang die Existenz des Unternehmens gefährdet werden.

    Diesen Trend hat die kogag meiner Meinung nach eben auch verschlafen.

    Viele Grüße

  5. L.

    Sehr geehrter Herr Rübner,

    ich habe von 2000 bis einschließlich 2003 bei der kogag gearbeitet. Ich habe auch Sie noch kurz kennengelernt und ich finde es traurig, was aus diesem einstigen Event-Flaggschiff geworden ist. Rückblickend betrachtet empfinde ich gerade den Beginn des neuen Jahrtausends als die vermutlich beste Zeit der kogag und ich bin heute stolz, dazugehört zu haben.

    Als ich 2000 nach einem bizarr-unkonventionellen Vorstellungsgespräch als Quereinsteiger zum kogag-Team stieß, war es für mich ein ganz anderes Arbeitsumfeld, als ich es zuvor gewohnt war: Jede Menge junge, talentierte und hochmotivierte Leute neben alteingesessenen, sehr erfahrenen und kompetenten Senior Projekt Manager-Urgesteinen, zu denen die Jungen respektvoll aufblickten und von denen es jede Menge zu lernen gab.

    In meiner Abteilung war ich damals der „Quoten-Mann“ zwischen lauter jungen, netten Kolleginnen – für mich war es damals der (Arbeits-)Himmel auf Erden. Nie zuvor habe ich so gerne in einem Unternehmen gearbeitet wie dort.

    Es wurden immer mehr Leute eingestellt, die kogag wuchs und wuchs. Auch nach Außen brüstete man sich zeitweilig, die größte Eventagentur Deutschlands zu sein. Dann kam noch ein Anbau hinzu, bei dem manchem Mitarbeiter bereits mulmig wurde, weil das Wachstum so – vielleicht zu – schnell ging. Man fragte sich: „Ob das mal gut geht…?“

    Zunächst schien es so. Dann kam aus heiterem Himmel der 11. September 2001:

    Sämtliche(!) geplanten Veranstaltungen wurden kurzfristig aus Pietätsgründen gecancelt. Natürlich nicht nur bei kogag, sondern in der ganzen Branche. Es war der Super-GAU.

    Die ersten Kündigungswellen ließen nicht lange auf sich warten. Der neue Anbau stand zunehmend leer und wurde dann aus der Not heraus angeblich fremd-vermietet. Einige bekannte ehemalige Kolleginnen und Kollegen gründeten zwischenzeitlich eigene Agenturen oder wanderten zur Konkurrenz ab – verließen sozusagen das vermeintlich „sinkende Schiff“. Es folgten die nächsten Entlassungswellen, das Haus leerte sich zunehmends und in einer unheimlichen Geschwindigkeit. Ganze Abteilungen wurden aufgelöst und vermutlich outgesourcet, eine tränenreiche Abschiedsfeier folgte der Nächsten und Ende 2003 war dann auch nach meinem „Golden Handshake“ für mich das Kapitel kogag endgültig beendet.

    Heute habe ich noch zu zwei ehemaligen Kolleginnen zumindest losen Kontakt, alle anderen sind in alle Himmelsrichtungen verstreut und leben ihr Leben nach kogag, dessen Existenz man sich früher zeitweise kaum vorstellen konnte… und mochte.

    Mein damaliges Team der Mediengestaltung war das Beste, in dem ich je war. Diese Zeit bei kogag, insbesondere 2000/2001, bleibt mir auf ewig in schöner Erinnerung und ich bin stolz, in Ihrer Blütezeit Teil der damaligen kogag gewesen zu sein.

    Zweifellos war 9/11 nicht der einzige Grund für den Niedergang der kogag, aber für mich als damaliger Mitarbeiter war es rückwirkend betrachtet und subjektiv gefühlt der Anfang… vom Ende.

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