Online-Events können eine konzeptionelle Befreiung sein: Ein Austausch mit Oliver Malat – Teil 2

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Gute zwischenmenschliche Begegnungen sind auch bei Online-Events möglich. Davon ist Oliver Malat von der Agentur Klubhaus überzeugt. Jedoch erreicht man das nicht mit digitalen Kopien analoger Erlebnis-Konzepte. Es braucht eigene Konzepte und eine andere Denkweise. Sehr gute Erfahrungen hat die Agentur beispielsweise mit Co-Creation-Formaten gemacht, von denen er im ersten Teil des Gesprächs erzählt hat. Neben den „richtigen“ Formaten braucht es derzeit aber auch eine positivere Einstellung. Online-Events sind nicht per se ein schlechteres Erlebnis, sie sind ein anderes Erlebnis – mit derzeit noch vielen Herausforderungen und interessanten Fragestellungen.


Dies ist der zweite Teil des Gesprächs mit Oliver Malat. » Zum ersten Teil


Online-Events sind aktuell herausfordernd

Natürlich sind Online-Events derzeit noch eine Herausforderung für Veranstalter. Zunächst aufgrund der noch geringen Praxis-Erfahrungen. Doch da sind auch Aspekte, wie das fehlende, direkte Feedback. Man sieht nicht, ob die Menschen begeistert oder gelangweilt sind oder was sie tatsächlich vor dem Bildschirm machen. Man kann sie auch deutlich schlechter steuern und durch ein ganzheitliches Erlebnis führen, als es bei Live-Events der Fall ist. Nicht unbedeutend sind auch der räumliche und soziale Druck, die die Teilnahme und das Durchhaltevermögen der Menschen unterstützen. All das kann man einfach als Nachteile abstempeln, die Online-Events zu schlechteren Erlebnisse machen, oder man sieht es als interessante Aufgabe. So betrachtet es zumindest Oliver Malat.

Oliver P. Malat, Kreation, Meeting-Design und Geschäftsführung bei Klubhaus

Er findet es konzeptionell sogar recht befreiend, wenn eine Veranstaltung beispielsweise nicht mehr an eine feste, physische Bühne gebunden ist. „Manchmal kann es sehr mühsam sein, verschiedenste Themen auf der gleichen Bühne zu inszenieren. Für die ZuschauerInnen ergibt sich das mehr oder weniger immer gleiche Bild. Wie schön ist es, dass man online verschiedene Themen beispielsweise auch an ganz verschiedenen Orten inszenieren kann. Logistik-Themen könnten zum Beispiel im Lager besprochen werden, Marketing-Themen auf der Straße, Produkte in einem Wohnzimmer, im Supermarkt oder Laden vorgestellt werden. Man kann und muss einfach anders denken, eher wie ein Reporter,“ meint er.

Diese andere Denke ist auch notwendig. Online-Events bedürfen eine andere Taktung und Dynamik. Die Aufmerksamkeitsspanne vor dem Bildschirm ist kurz und nicht selten fragil. Setups sollten abwechslungsreich sein, es braucht Bewegung und kurze Zyklen. Medien, Tools und die Art der Vermittlung sollten regelmäßig gewechselt werden. Das ist anders und da es neu ist, umso schwerer. Doch es bietet die Chance, Inhalte auf eine andere Art und Weise zu vermitteln, ist Oliver überzeugt.

Ein anderer Vorteil ist auch das deutlich bessere beziehungsweise ehrlichere Feedback. Denn online kann man tracken, wie viele der Zuschauer den Stream wann verlassen haben. Wann ein Live-Zuschauer gedanklich abdriftet, erfährt man nicht. Online kann man schlechte oder positive Entwicklungen erkennen und vielleicht sogar in Echtzeit gegensteuern. Man kann nachverfolgen, wie dynamisch sich Diskussionen entwickeln und anhand von Zahlen erkennen, welche Angebote gut und welche schlecht funktioniert haben. Diese Zahlen sind objektiver und ehrlicher, man muss sich nicht alleine auf subjektive Eindrücke oder Aussagen verlassen, auch wenn diese in der Gesamtbetrachtung ebenfalls wichtig sind. In der Summe erhält man einen etwas leichter zugänglichen Einblick in die Dynamik der Veranstaltung und damit die Chance ein Event im Sinne der ZuschauerInnen gezielt zu optimieren.

Und Optimieren sollte man. Denn während man bei einem analogen Event mit imposanten, inszenatorischen Mitteln oder auch einfach mit einem guten Catering über langweilige oder überflüssige Inhalte hinwegtäuschen kann, geht das online nicht. Entweder das Format ist wirklich gut und zieht in den Bann – oder die Leute klicken weg. Das ist eine qualitative Chance, macht diese neue Disziplin der Live-Kommunikation aber auf eine andere Art besonders anspruchsvoll.

Ohne geht es nicht, aber sie alleine macht auch kein gutes Online-Event: die Technik

Doch neben all den konzeptionellen und inhaltlichen Herausforderungen, schwebt eine weitere große Aufgabe über den Köpfen der VeranstalterInnen, tatsächlich wie ein drohendes Damoklesschwert: die Technik. Kommen die Teilnehmer mit der Software klar? Hält die Website die Zugriffe aus? Ist die Internetgeschwindigkeit bei allen ausreichend? Gerade Deutschland hinkt beim Internetausbau hinterher. Das rächt sich nun. Auch Klubhaus musste darauf reagieren, unter anderem indem manche Online-Events zeitlich vorverlegt wurden. „Ab 17 oder 18 Uhr ist das Internet manchmal zu voll und die Leitungen überlastet.“ Veranstalter müssen sich nun also mit ungewohnten Fragen beschäftigen. „Wie ist die Internetverbindung meiner TeilnehmerInnen?“, „Wann ist die technisch betrachtet beste Zeit für ein Online-Event?“, „Welches Tool funktioniert auch bei einer schlechten Internetverbindung?“ und „Welche Apps funktionieren gut miteinander und produzieren keine Zeitverzögerungen oder Probleme?“.

Technik ist jedoch ein derart komplexes und wichtiges Thema, dass Oliver eindeutig davon abrät, alles selbst zu machen. „Daran darf man nicht sparen und sollte sich definitiv Profis dazuholen.“ Doch andererseits, „teure Technik macht kein gutes Online-Event! Die Technik muss laufen, keine Frage, aber wenn der Inhalt langweilig ist, schalten die Leute trotzdem ab“.

Je nach Zielgruppe muss man sich auch Gedanken über die technischen Fertigkeiten und Möglichkeiten der TeilnehmerInnen machen. „Hierbei ist es immer hilfreich, wenn man auf Tools zurückgreift, an die die TeilnehmerInnen schon gewöhnt sind.“ Es ist aber auch wichtig die TeilnehmerInnen möglichst gut vorzubereiten. Ein Tool sollte vorher ausprobiert und eingestellt werden, auch dafür sind VeranstalterInnen nun mitverantwortlich. Je nach Event kann ein Briefing der TeilnehmerInnen ausreichen. In anderen Fällen könnten Tests und eine Einübung der Tools auch konzeptionell als eine Art kleine Pre-Events gestaltet werden. Auch hier müssen wir lernen anders zu denken.

Was bleibt? Was bringt es?

Doch die Situation ist und bleibt natürlich eine Ausnahmesituation. Die Anzahl der Online-Formate wird irgendwann nach Corona wieder abnehmen. Doch was wird seiner Meinung nach bleiben, frage ich Oliver. „Natürlich nicht alles. Auch ich persönlich möchte auf gar keinen Fall auf das Erlebnis analoger Formate verzichten. Doch die Kunden denken schon jetzt deutlich hybrider in die Zukunft. Die digitale Komponente einer Veranstaltung wird fest eingeplant, und das wird bleiben. Ganz zu schweigen davon, mit coolen Ideen völlig neue Chancen und Möglichkeiten zu erschließen.“

Nicht zuletzt stellt sich für viele Firmen und Agenturen der Live-Kommunikation die Frage, ob Online-Events ausreichen, um die Krise zu überstehen. Für Klubhaus sind sie definitiv hilfreich und werden vermutlich Schlimmeres verhindern, gerade wenn physische Events noch über viele Monate gar nicht oder nur stark beschränkt möglich sind. Interessant und gewinnbringend sind laut Oliver aber auch die neuen Kontakte und Kunden, die dank der Krise entstanden sind. „Es haben sich Firmen bei uns gemeldet, mit denen wir bislang gar keinen Kontakt hatten. Die besondere Situation hat aber nicht nur zu unerwarteten Anfragen geführt, sondern auch zu einer ganz anderen Stimmung. Die ungewohnten Online-Meetings, die gemeinsame Corona-Herausforderung und nicht zuletzt die Tatsache, dass alle Zuhause waren, das alles erzeugte eine ganz andere Stimmung. Der Umgang war lockerer und irgendwie noch persönlicher. So entstand von Anfang an eine andere und sehr konstruktive Form der Zusammenarbeit.“

Die Covid-19-Krise könnte somit nicht nur neue Online-Event-Formate hervorbringen und etablieren, sie könnte auch einige Kunden und Agenturen zusammenschweißen und zu langfristig erfolgreichen Kooperationen führen.


Dies ist der zweite Teil des Gesprächs mit Oliver Malat. » Zum ersten Teil


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