Interaktive Erlebnisse: Was hat sich verändert und wie bindet man Teilnehmer besser ein? – Eventdesign Jahrbuch 2019/20

Das neue Eventdesign Jahrbuch 2019/20 ist vor Kurzem erschienen. In dieser Ausgabe mit fast 60 aktuellen Projekten aus der Live-Kommunikation fällt auf, dass Interaktion und Mitmach-Möglichkeiten eine zentrale Entwicklung innerhalb der Branche sind. Auffällig viele Eventformate dieser Ausgabe binden TeilnehmerInnen und deren Interessen stärker ein. Sowohl die inhaltliche Gestaltung, interaktive Teilnahme- und Teilhabemöglichkeiten als auch individuelle Wahlmöglichkeiten und räumliche Freiheiten haben sich im Sinne der BesucherInnen gewandelt.

Passend dazu habe ich vier Fachfrauen und -männer in einem Interview gefragt, wie sie sich diese Entwicklung erklären, was sich in der Konzeption geändert hat und wie man Teilnehmer besser einbindet.


Interview aus dem Eventdesign Jahrbuch 2019/20


Eventteilnehmer werden heute deutlich mehr einbezogen, als es vor wenige Jahren der Fall war. Woher kommt diese Entwicklung?

Stephan Müller, Creative Lead bei Grosse 8

Stephan Müller: Ich denke, einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat die zunehmende Messbarkeit der Besuchererlebnisse. Vor ein paar Jahren basierte die Auswertung von Live Kommunikation auf der Besucherzahl. Daran lässt sich aber nicht ablesen, ob den Besuchern die Ausstellung oder die Messe gefallen hat. Mittlerweile bekommt der Kunde und die Agentur Feedback in den Sozialen Netzwerken. Damit meine ich vor allem Posts bei Instagram, Facebook, Twitter oder Youtube.

Gehören Interaktionsmöglichkeiten und Co-Creation zu einem zeitgemäßen Event?

Stephan Schäfer-Mehdi: Es ist eine Frage der Erwartungshaltung und der Kommunikationsaufgabe. Menschen gehen ja nach wie vor ins Theater und Kino und lassen sich von Kunst und Künstlern begeistern, ohne dass es vorher Co-Creation gab. Es gibt sicher immer noch Live-Kommunikation, die eher einen Informationscharakter hat und gerade große Menschenmengen ansprechen und begeistern muss, da ist die Einbeziehung der Besucher marginal möglich.

Bei anderen, kleineren Formaten ist die Einbeziehung der BesucherInnen besser möglich. Eigentlich müsste man bei der Konzeption schon mit Co-Creation arbeiten. Aber angesichts der Preisdrückerei sehe ich im Augenblick nicht die Ressourcen für solche sinnvollen Prozesse.

Haben sich konzeptionelle Vorgehensweisen in diesem Kontext verändert?

Tomke Hahn: Menschen wollen aus ihrem Alltag entführt werden. Die räumliche Gestaltung hilft, sie in einen anderen Zustand zu versetzen und für die Vermittlung von Inhalten zu öffnen. Das war immer schon so, aber die Erwartungshaltung der Besucher hat sich verändert und das wirkt sich natürlich auf das Konzept aus. Das Zusammenspiel aus Lichtstimmung, Temperatur, Raumklang, Duft und der Position des Menschen im Raum – stehend, sitzend, liegend – muss neue Perspektiven eröffnen. Perspektiven, die der Besucher annimmt und für sich nutzen kann.

Dagmar Korintenberg, Inhaberin Raumservice

Dagmar Korintenberg: Einige Bedürfnisse, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, sollten bei der Planung auf jeden Fall mitgedacht werden. Der Wunsch vieler Besucher, sich und den eigenen Alltag medial zu präsentieren, hat beispielsweise deutlich an Stellenwert zugenommen. Um eine Veranstaltung gerade auch für eine jüngere Zielgruppe interessant zu gestalten, sollten also Erlebnisse geschaffen werden, die visuell neuartige und fotogene Momente integrieren.

Stephan Müller: Es wird mehr für das Erleben des Moments, den spielerischen Spaß oder die Einzigartigkeit gestaltet. Teilweise wird vom vom „Instagram Moment“ gesprochen. Damit ist vor allem eine visuelle Stärke des Moments gemeint. Um wahrgenommen zu werden, benötigt ein Post auch einen visuellen Attraktor. Selbst eine Toninstallation müsste einen großen visuellen Impact liefern, um in den Netzwerken wirksam gepostet zu werden. Oft werden dadurch natürlich auch Dinge umgesetzt, die für den Live Moment eigentlich nicht wichtig, für eine Verbreitung in den sozialen Netzwerken aber unerlässlich sind.

Wird tatsächlich mehr analysiert, was sich Besucher wünschen?

Stephan Schäfer-Mehdi: „Wir wissen, was unsere Pappenheimer wünschen“, das ist immer noch die Alltagseinstellung in vielen Führungsetagen und Eventabteilungen. Ich bin da immer skeptisch und habe dann zum Beispiel auch mal Interviews geführt und deren Ergebnisse in die Konzeption einfließen lassen. Gerade wenn es um Change-Prozesse geht, ist das hilfreich.

Viele Menschen wünschen sich, stärker einbezogen zu werden. Trotzdem ist es manchmal schwer, sie zur Teilnahme zu bewegen. Wie bringt man Menschen dazu, sich einzubringen?

Tomke Hahn, Konzept und Inhalte bei simple

Tomke Hahn: Die App ist ein gutes Beispiel. Viele Auftraggeber träumen von AR mit BYOD. Aber für die Besucher ist das Runterladen der App einfach nur lästig. Wichtig ist es deshalb, die Rolle des Besuchers und die damit verknüpften Erwartungen klar zu formulieren. Die Kunst ist es, die Erwartungen dabei niederschwellig, die Möglichkeiten aber weit offen zu halten.

Daneben spielen die kognitiven und physischen Zugänge sowie die Spielregeln eine entscheidende Rolle. Menschen sind sehr unterschiedlich und brauchen Einstiegsangebote, die zu ihnen passen. Während dem einen eine einfache Landkarte genügt, braucht der andere eine detaillierte Wegbeschreibung. Multiple Zugänge sind hier eine Lösung. Wir orientieren uns dabei an gelernten Prinzipien. Je natürlicher Handlungs- und Interaktionsabläufe sind, desto wahrscheinlicher ist ein kurzweiliger Ablauf und viele kleine und große Erfolgserlebnisse. Klare Spielregeln helfen, das Mitmachen einfach zu gestalten.

Dagmar Korintenberg: Oftmals ist der Mehrwert entscheidend für die Interaktion der Besucher. Wenn beispielsweise das Einbringen von Inhalten ohne relevante Rückkopplungen für den Einzelnen als Partizipation verkauft wird, ist dies nicht besonders attraktiv. Vielmehr muss dem Beteiligten etwas zurückgegeben werden: Ein besonderes Erlebnis, spannender Gesprächsstoff für den kommenden Tag im Büro oder die mediale Nutzung, neue Erkenntnisse oder Formen von Teilhabe und Gemeinschaftserlebnissen.

Ersterlebnisse und das Schaffen von innovativen Situationen sind wichtige Parameter. Diese helfen den Besuchern, sich aus ihren festen, häufig passiven Rollen zu lösen, in Kommunikation mit den anderen Beteiligten zu treten und sich gemeinsam aktiv einzubringen.

Ausschlaggebend ist zudem, ob man über das Maß der Interaktion selbst entscheiden kann – dass von einem Klick oder Handgriff bis hin zu aktiver Teilhabe alles möglich ist. Räumlich spiegelt sich diese Freiheit oftmals in modularen Lösungen wieder, die aber in jedem Stadium sowohl inszenatorische, räumliche, als auch visuelle Qualitäten aufweisen sollten.

Stephan Müller: Neugierde Wecken ist einer der Schlüssel. Teilnahme darf nicht bedeuten, dass man sich mit komplizierten Interaktionmechanismen beschäftigen muss. Man darf nie aus den Augen verlieren, wie lange sich ein Besucher im Allgemeinen an einem Exponat oder in einen Ausstellungsraum aufhält. Da sprechen wir oft von wenigen Minuten. Wenn der Besucher die Interaktion „erlernen“ soll oder muss, dann hilft eine sehr spielerische Systematik hinter der Interaktion. Sie darf keine Berührungsängste erzeugen. Ausprobieren muss Spaß machen. Da kommen vor allem analoge Interfaces, weg vom digitalen Interface, in Frage. Gestensteuerung ist da fehl am Platz.

Ich habe das Gefühl, dass die Besucher, durch die tagtägliche Nutzung von Smartphones und Tablets, ein rein digitales Interface immer weniger als Erlebnis wahrnehmen. Wenn der Raum aber plötzlich reaktiv ist, und der Besucher ohne spezielle Interaktion auf die Veränderung des Raumes oder des Exponates Einfluss nehmen kann, dann erzeugt man spielerische Neugier.

Ob Apps, interaktive Stationen oder Workshopformate – dies sind mögliche Werkzeuge, aber keine Konzepte. Was sind die wahren Stellschrauben, um ein Erlebnis interaktiver und zielgruppenorientierter zu gestalten?

Stephan Schäfer-Mehdi, Creative + Strategic Hitchhiker und freier Art Director LiveCom

Stephan Schäfer-Mehdi: Unabhängig davon ob die Kommunikation digital, analog oder mit einem Mix erfolgt, Authentizität und Relevanz sind wichtig. Nur wenn die Besucher diese erkennen oder finden, werden sie echte Teil-Nehmer. Und es muss auch ein Ergebnis oder eine Veränderung durch die Teilnahme geben, sonst macht beim nächsten mal niemand mehr mit.

Viele Unternehmen wollen ja auch keine unkontrollierte Interaktion. Da muss sich auf Führungsebene das Mindset ändern, damit sich Eventteilnehmer wie Mitarbeiter oder Partner auch wirklich im Vorfeld, beim Event und auch danach einbringen können. Da ist ein Kulturwandel gefordert, der natürlich durch digitale Möglichkeiten gefördert wird.

Ich glaube, es muss generell ein Paradigmenwandel stattfinden. Wir sehen Live-Kommunikation immer noch vom singulären, späteren Ergebnis oder der einzelnen Veranstaltung her. Dabei müssen wir viel stärker in langfristigen Prozessen und über einzelne Projekte hinaus denken.


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