Artikelbild für: Barrierefreie Online-Veranstaltungen und Event-Kommunikation

Barrierefreie Online-Veranstaltungen und Event-Kommunikation

Von Katharina Stein 21.4.2021 ~6 Minuten Lesezeit

Online-Veranstaltungen barrierefrei zu gestalten, ist leichter als analoge. Schließlich fallen viele physische Barrieren weg. Jedoch sind Online-Konferenzen und -Events keineswegs barrierefrei! Wenn man einmal bewusst darauf achtet, können viele mehr oder weniger kleine Maßnahmen, die Barrieren abbauen und mehr Menschen die Teilnahme erleichtern!

Bei Online-Veranstaltungen fallen viele Hürden für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen weg. Ihnen kommt die aktuelle Vielzahl an digitalen Konferenzen sicherlich entgegen. Auch für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen können Online-Events leichter sein, da sie assistive Programme wie Screanreader oder die individuelle Einstellung von Lautstärke und Bildgröße nutzen können. Doch in vielen Fällen bestehen trotzdem noch viele Hürden.

Sich das eigene Online-Event mal in Punkto Barrierfreiheit genauer anzuschauen, ist keine Maßnahme für eine vermeintlich kleine und „in unserem Fall nicht vertretene“ Gruppe. Grundsätzlich profitieren alle davon, weil unter anderem gut und vielseitig aufbereitete Inhalte sowie visuell ruhige Szenen allen das Verstehen und Verinnerlichen erleichtert. Aber für einige Menschen sind solche Gesichtspunkte besonders wichtig.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen (Hören, Sehen) oder mit kognitiven Beeinträchtigungen. Menschen, die eine Sprache noch nicht gut sprechen, zählen ebenfalls dazu. Ebenso wie Seniorinnen und Senioren. Gerade die letzteren werden aufgrund des Demografischen Wandels immer häufiger unter den Event-Teilnehmenden sein.

Die häufigsten Barrieren von Online-Veranstaltungen bestehen übrigens für alle Menschen im Bereich der Zugänglichkeit. Verschiedene, komplizierte Tools, die nicht selbsterklärend sind, machen es vielen Personen schwer. Eine intuitive und einfache Nutzung sollte bei der Wahl eines Konferenz-Tools daher besonders wichtig sein. Jedoch kann man als VeranstalterIn auch mit gut aufbereiteten Teilnahme-Informationen und -Erklärungen in möglichst einfacher Sprache eine gute Hilfestellung leisten.

Einige Tools für Online-Meetings und -Konferenzen bieten bereits integrierte Funktionen für mehr Barrierefreiheit an. Jedoch gibt es laut B.A.G. Selbsthilfe e.V. kein Tool, das man pauschal und in allen Punkten für barrierefreie Online-Veranstaltungen empfehlen kann. Der Verein vergleicht in der Pdf „Online-Konferenz-Tools“ die Angebote unter verschiedenen Gesichtspunkten, wie u.a Barrierefreiheit, aber auch Datenschutz und Kosten.

Die wichtigsten Punkte, um Barrieren bei Online-Veranstaltungen abzubauen, habe ich aus dem Buch „Barrierefreie Events“* von Kerstin Hoffmann-Wagner und Gudrun Jostes zusammengefasst und sie mit weiterführenden Links ergänzt.

Worauf sollte man bei barrierefreien Online-Veranstaltungen achten?

  • Die visuellen Inhalte sowie die Darstellung der Teilnehmenden und Referierenden sollten möglichst ablenkungsfrei und ohne störende Hintergründe mit wilden Mustern sein. Gesichter sollten gut sichtbar und ausgeleuchtet sein, damit Hörbeeinträchtigte ggf. von den Lippen ablesen können. Auch der Oberkörper sollte erkennbar sein, um Gesten oder Gebärden wahrnehmen zu können. Der Hintergrund sollte visuell möglichst ruhig und kontrastreich sein, die Kleidung der Gäste sich vom Hintergrund gut abheben. Lichtquellen hinter den Menschen sollte man vermeiden, da so die Konturen völlig verschwimmen.
  • Bei mehreren Menschen im Bild sollte der jeweils aktuell Sprechende gekennzeichnet oder hervorgehoben werden.
  • Neben den Votragenden sollten auch Gebärden-Dolmetschende und/oder ein Untertitel für ein (Live)Schriftdolmetschenden integriert sein.
  • Zwei-Sinne-Prinzip: Grundsätzlich sollten alle Inhalte über zwei Sinne vermittelt werden. Bei Online-Veranstaltungen geht es mehrheitlich um Sehen und Hören. Daher sollte ein visueller Inhalt auch verbal erklärt werden. Und ein verbaler Inhalt sollte ebenso visuell vermittel werden. In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass die Moderierenden auf alle visuellen Inhalte auch verbal eingehen. Man sollte niemals davon ausgehen, dass Bilder selbsterklärend sind.
  • Gezeigte Präsentationen sind generell ein Problem, da sie nicht von Screenreadern gelesen werden können. Eine einfache Alternative ist es, eine Präsentation vorab an alle Teilnehmenden zu verschicken, damit sie sie bei Bedarf mit assistiven Techniken vorab durchgehen können.
  • Die Navigation auf einer Plattform oder innerhalb eines Tools sollten seheingeschränkte Menschen auch über die Tastatur bedienen können.
  • Das Online-Konferenz-Tool sollte mit gängigen Screenreaderprogrammen kompatibel sein.
  • Bei kollaborativen Meetings mit gemeinsamer Arbeit an Dokumenten ist ein externes, browserbasiertes Programm erforderlich, da viele integrierte Tools beispielsweise für Blinde nicht nutzbar sind.

Barrierefreie Event-Kommunikation

Damit alle Menschen an einem Event teilnehmen können, müssen auch alle vorab gleich gut informiert werden. Das Thema barrierefreie Event-Kommunikation wird dabei häufig vergessen. Neben einer leicht verständlichen Sprache geht es auch hier um technische und gestalterische Aspekte.

  • Bilder sollten in den Alt-Tags kurz beschrieben werden, sodass Screenreader die Inhalte vorlesen können.
  • Nach dem Zwei-Sinne-Prinzip sollten für Video- und Audiodateien beschreibende Texte erstellt werden bzw. in Videos Untertitel eingefügt werden.
  • Websites oder Newsletter sollten einen klaren Aufbau haben, Links und Buttons gut erkennbar sein. Slideshows oder Videos sollten zudem nicht automatisch starten, das mag niemand 😉
  • Pdfs müssen nach einem bestimmten Standard aufgebaut sein, damit sie mit assistiven Technologien genutzt werden können (ISO 14289-1)
  • Für Websites sollte man sich an den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) bzw. der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) orientieren. Dabei geht es vornehmlich um den Grundsatz, dass die Warnehmung, Bedienbarkeit und Verständlichkeit für alle Menschen, mit oder ohne Einschränkungen, gegeben ist und die Inhalte für assistive Technologien lesbar sind. Dies fällt jedoch größtenteils in das Aufgabenfeld der Website-Entwickelnden.

Auch bei den Inhalten für Social Media kann und sollte man auf bestimmte Aspekte achten:

  • Für einfach verständliche Hashtags sollte der Anfangsbuchstabe groß sein und bei Wortkombinationen jeweils der erste Buchstabe des neuen Wortes groß geschrieben werden. (#Event #OnlineEvent)
  • Bei Fotos oder Grafiken sollten möglichst genaue Beschreibungen ergänzt werden. Je nach Plattformen heißt das „Alternativtext“ oder „Bildbeschreibung“.
  • Videos sollten möglichst 1:1 oder in Ausnahmefällen sinnvoll gekürzt untertitelt werden.
  • Für GIFs kann man keine Alternativtexte einfügen. Hier sollte die Beschreibung im Text erfolgen.
  • Sehr lange Worte können mit einem Bindestrich getrennt werden, um ihre Lesbarkeit zu verbessern. (Veranstaltungs-Teilnehmende)

Die persönliche Kommunikation mit Teilnehmenden oder Gästen mit Behinderungen ist ebenfalls ein wichtiges, aber auch schwieriges Thema. So mancher meidet den Kontakt aus Angst etwas falsch zu machen. Wenn Unsicherheiten bestehen, sollten sich alle über das Thema informieren und gemeinsam darüber sprechen. Es gibt auch Schulungen, Verbände oder Fachleute, die gezielt dabei helfen, innere Barrieren und Ängste abzubauen.

Ziel ist natürlich den Austausch vielmehr zu suchen und möglichst direkt und offen zu kommunizieren. Dazu gehört auch, dass bei der Anmeldung die Möglichkeit bestehen sollte, Bedarfe ggf. anzugeben oder anzufragen.

Barrieren unter den TeilnehmerInnen abbauen

Ein angrenzendes Thema, das nicht aus dem Buch stammt, mir persönlich aber wichtig ist. Online-Events können auch Barrieren und Vorurteile zwischen den TeilnehmerInnen reduzieren. Mit einer gezielten Konzeption und Gestaltung können z.B. neutrale Avatare Vorurteile gegenüber dem Geschlecht, der Hautfarbe oder Behinderungen verhindern. Anonyme Sessions und Workshops können wiederum in Unternehmen Hierarchien ausblenden und allen die freie Teilhabe ermöglichen – ohne Ängste oder eigennützige Ziele.

 

Weitere Tipps, Checklisten und Leitfäden

» Barrierecheck für Videokonferenzen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands

» Praxishilfe der Bundesfachstelle für Barrierefreiheit

» Leitfaden Online-Konferenz-Tools inkl. Vergleich der Barrierefreiheit(Pdf)

» Barrierefreie Online-Veranstaltungen bei netz-barrierefrei

 

 

*Affiliate Link: Danke für Deine Unterstützung.

Teile diesen Artikel
– Werbung – Werbeanzeige

Schreibe den ersten Kommentar!

Was meinst Du dazu? Sag's uns!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Lies diese Artikel als nächstes…